Eindrücke aus Vietnam

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Timeless Charm – so wirbt das Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus in Vietnam.

Bereits 2010 überschritt die Besucherzahl die 5 Millionen-Marke, 2013 waren es schon 7,5 Millionen. Vietnam „liegt im Trend“, wir selbst wissen von Familie und von einigen Freunden, die in den letzten Jahren in Vietnam waren oder auf dem Weg dort hin sind. Wie haben wir Vietnam erlebt, wie ist Vietnam aus Radler-Sicht?

Als erstes müssen wir wohl noch ein wichtiges Kriterium zur Erklärung unserer persönlichen Eindrücke hinzufügen. Wir radeln und haben ein limitiertes Budget, d.h. wir schlafen in den günstigsten Unterkünften, essen „streetfood“ (sozusagen das „Tagesmenü“) und halten uns überwiegend in Orten auf, die nicht von Touristen frequentiert werden.

Dem allgemeinen IMG_3755Spruch „it is a marmite country: you will  love it or hate it“ (… liebe es oder hasse es…) können wir auf alle Fälle zustimmen. Es ist wie mit Indien. Liebe es oder hasse es. Wir kennen viele Leute, die von Vietnam schwärmen, denen können wir uns leider nicht anschliessen. Vietnam mit schmalem Geldbeutel ist täglicher Frust ohne Entschädigung. Jeden Tag kommt zum ohrenbetäubenden Strassenlärm, zum hundertfachen, übertriebenen und lauten „hello“, zum gelegentlichen „fuck you“ die tägliche Abzocke dazu. Die täglichen kleinen Entschädigungen halten sich leider in Grenzen. Selten treffen wir ehrliche Freundlichkeit, kaum mal wirklich leckeres Essen. Ok, der Kaffee, der ist fast immer richtig gut (falls man nicht gerade einen Nescafe 3 in 1 untergejubelt bekommt…).

Abzocke: man sollte die Preise kennen. Für einen typischen kleinen vietnamesischen Kaffee z.B. mit süsser Kondensmilch und Eis bezahlt man eigentlich zwischen 10’000 – 15’000 Dong (0,40-0,60 Euro Cent), je nach Attraktionsnähe mussten wir schon 30’000 Dong dafür berappen. Ein Zimmer in einer lokalen Unterkunft mit Bad und AC bekamen wir meist für um die 200’000 Dong (7,50 Teuronen), je nach Laune kamen dann aber schnell mal einige Dongs dazu für die Hunde, die übergrossen Trikes oder einfach so. In einer Unterkunft waren wir einige Tage und bezahlten täglich bei den Besitzern. Als wir eines Tages die Tagesmiete bei der Putzfrau abgaben, starrte diese uns ungläubig an… der Blick sagte eindeutig: was, so viel? Ein normales Tagesmenü kostet um die 40’000 Dong. Wenn man vorher nicht fragt, wird es oft teurer… Das sind alles keine wirklich grossen Beträge, jedoch fühlt es sich einfach immer wieder sch… an, wenn nur wir Langnasen diese Zuschläge bezahlen müssen.

IMG_4491Vom Essen wird immer wieder geschwärmt, in Thailand sahen wir viele Vietnamesische Restaurants, das „Nationalgericht“ Pho Bo (Rindfleischsuppe) sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen heisst es… Wir haben einige davon gegessen und konnten uns nicht wirklich dafür erwärmen, jede thailändische noodlesoup ist uns persönlich lieber. Die vielen frische Kräuter und Gemüse… werden überall gelobt. Hm, das Gemüse ist oft matschig, so gut wie immer kalt serviert und die roh servierten Kräuter sind auch nicht viel anders wie in den Nachbarländern. Generell ist das „Allerleute“ Essen ziemlich ölig für unseren Geschmack und meistens recht fade. Die allgegenwärtige Fischsauce nước mắm und Chilieketchup stehen zum Glück oft auf den Tischen parat, um hier ein wenig nachzuhelfen.  Zum Glück gibt es dann immer wieder mal einen leckeren Cà phê sữa đá, unser tägliches Highlight…

GehörschadenHupen: ja, hupen, das haben wir als Triker besonders gerne, denn wir sitzen genau auf Hupen-Ausgangs-Höhe, d.h. volle Lautstärke direkt aufs Trommelfell… Wenn es denn etwas ändern würde, wenn es nur etwas ändern würde. Da vorne fahren zwei radelnde Schülerinnen nebeneinander, vertieft in weltbewegende Gespräche, ein Moped mit Überbreite überholt die Mädels in aller Ruhe, in dritter Reihe ein nagelneues Auto, welches noch schneller fahren möchte und von hinten naht ein 18-Tonner, der natürlich das oberste Glied der Machtkette bildet. Was macht er? Er hupt, und hupt, noch lauter, noch schöner, in allen Melodien und Stärken. Und was machen die radelnden Mädels? Sie chatten weiter. Was macht das Moped mit Überbreite? Er chattet noch ein bisschen mit den Mädels. Was macht das überholende neue Auto? Es lässt sich so richtig schön Zeit beim überholen, weil die Mädels so hübsch sind… zu gut Deutsch: DAS HUPEN ÄNDERT ÜBERHAUPT NICHTS… alles geht seinen gewohnten Gang. Mopeds, die aus Seitengassen kommen, schauen NIE nach links oder rechts, ob eventuell irgend jemand auf der Hauptstrasse unterwegs ist, sie fahren einfach dort hin, wo sie hin wollen, Blick stur nach vorne gerichtet. Auf der rechten oder linken Spur, egal, überall hupt es. Eine rote Ampel ist nur pro forma da. Wenn nicht viele Verkehrsteilnehmer zu sehen sind, muss man auch nicht anhalten. Hup, hup, hup. Wenn die Schule aus ist, fahren alle Schüler nebeneinander. Huuuuuuuuup. Egal wie viele. Wer nicht weiss, wie sein Fahrzeug funktioniert oder bremst, der hupt. Der hupt bei jedem anderen Fahrzeug, bei jeder Kurve, bei jedem Baum, oder einfach so, zum gucken, ob die Hupe noch funktioniert.

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Bürgersteige: sind zum laufen da, oder nicht? In Vietnam sind die Bürgersteige zum parken der Mopeds da, ab und zu auch für Autos, fertig. Gelaufen wird nicht.
Die Sprache: obwohl wir nun wenigstens die Buchstaben einigermassen lesen können, bleibt uns Vietnamesisch irgendwie fern. Danke, Reis, Hund, Unterkunft, süsser Kaffee mit Milch und Eis, Deutsch/er… das war’s dann auch schon. Heisse Diskussionen unter Vietnamesen klingen in unseren Ohren ziemlich hart und agressiv.
Antatschen: es ist mit den Trikes wieder wie in Indien, erst mal alles antatschen, rumfingern, draufsitzen, schalten, bremsen, hupen, hupen, hupen, … und sich dann wundern, wenn wir nicht besonders darüber erfreut sind…

Sehenswürdigkeiten: mit diesen lockt Vietnam… aber ehrlich gesagt, sind diese Orte noch viel schlimmer, denn hier wird man rund um die Uhr belästigt: come in my shop, buy for me, happy hour, you buy come on, mama buy for me, buy something, happy hour, only one dollar, happy hour, have a look here, go in my shop, park your bike here, free looking, happy hour… chrtzlmpfgrgrwrglmpfl…

In einem Artikel von „Nomadic Matt“ kann man zu diesem Thema noch einiges finden. Aber bitteschön, das ist unser, persönlicher Eindruck als Radler mit schmalem Geldbeutel. Wenn Dein Geldbeutel ein bisschen besser bestückt ist, sieht das alles sicherlich wieder ein bisschen anders aus… die Sehenswürdigkeiten, das Lächeln, das Essen, der Kaffee… nur das Hupen, das Hupen bleibt dann auch Dir nicht erspart und ist zeitlos charmant…

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Über grenzenlos2001

Igel & Paola, Rambo & Caramba auf dem Bike, Trike und im Bus um die Welt
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Eine Antwort zu Eindrücke aus Vietnam

  1. Martin schreibt:

    Es ist schon ein paar Jahre her, das ich mit meiner Exfeundin Vietnam von Nord nach Süd bereist bin, aber wie ich bei Euch lese, hat sich nicht viel geändert. Wir waren zwar als Backpacker unterwegs, aber von der Daueranmache auch rasch genervt. Der Verkehr wird übrigens schlimmer, je dichter es an größere Städte geht. Hanoi und Saigon waren verkehrmäßig der absolute Alptraum. Wir haben dort mehrere schlimme Unfälle mit Verkehrstoten (alles Rollerfahrer) gesehen.
    Was wirklich nett war, war Da Lat, allerdings wäre das ne Plackerei für Euch, denn es liegt recht hoch (1800 oder sogar 2000m, wenn ich mich recht erinnere.) Das Mekongdelta war auch toll, und im Norden die Halongbucht ebenfalls. Die großen Städte auf der Nord-Süd-Achse aber waren teilweise echt schlimm. Wir hätten damals auch nicht gedacht, das der Unterschied zwischen Thailand und Vietnam so deutlich ist…

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